Videospielsucht und Glücksspielsucht – Wenn Spielen zur psychischen Belastung wird
Ein Überblick nach der ICD-11
Zu Beginn eine Info: In der Behandlung bei uns in der Praxis Paderborn besteht bei Bedarf die Möglichkeit, an kostenlosen wissenschaftlichen Studien und Analysen teilzunehmen. Eine Zusammenarbeit mit Forschungsprojekten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ist im Einzelfall möglich. Diese Forschungsarbeiten werden unter anderem durch das Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention unterstützt.
Solche Studien dienen dazu, psychische Störungsbilder besser zu verstehen, therapeutische Verfahren weiterzuentwickeln und die Versorgung von Betroffenen langfristig zu verbessern. Eine Teilnahme erfolgt selbstverständlich ausschließlich freiwillig und nach individueller Absprache.
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauer Blick auf zwei Störungsbilder, die in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der psychologischen Forschung geraten sind: Videospielsucht und Glücksspielsucht.
Spielen in der modernen Gesellschaft
Digitale Spiele und Glücksspielangebote sind heute überall verfügbar. Smartphones, Konsolen, Online-Plattformen und Wettanbieter ermöglichen einen permanenten Zugang zu Spielwelten. Unterhaltung, Wettbewerb und Spannung stehen dabei im Vordergrund.
Gleichzeitig entsteht durch diese Entwicklung ein gesellschaftlicher Rahmen, der problematische Spielmuster begünstigen kann. Spiele sind rund um die Uhr erreichbar, stark sozial vernetzt und häufig mit komplexen Belohnungssystemen ausgestattet.
Die moderne Lebenswelt ist zudem geprägt von:
hoher Leistungsorientierung
zunehmendem Zeitdruck
digitalen Dauerreizen
sozialem Vergleich
steigenden Erwartungen an junge Menschen
Gerade Jugendliche wachsen in einer Umgebung auf, in der schulische Leistungen, berufliche Perspektiven und soziale Anerkennung früh eine große Rolle spielen. Gleichzeitig ist die digitale Welt ständig präsent.
Diese Kombination schafft einen Spannungsraum, in dem digitale Spiele eine besondere psychologische Funktion übernehmen können.
Spielen als Kompensation für Alltagsprobleme
Digitale Spiele können für Jugendliche und junge Erwachsene eine kompensatorische Rolle übernehmen. Sie bieten einen Raum, in dem Belastungen des Alltags kurzfristig in den Hintergrund treten.
Typische Belastungen können sein:
schulischer Leistungsdruck
soziale Unsicherheiten
Konflikte innerhalb der Familie
Zukunftsängste
Gefühle von Überforderung
Im Spiel existieren klare Regeln und erreichbare Ziele. Fortschritte sind sichtbar. Erfolge werden unmittelbar belohnt.
Im Vergleich zur komplexen Realität vermittelt das Spiel ein Gefühl von Kontrolle und Kompetenz. Genau diese Erfahrung kann dazu führen, dass das Spiel zunehmend als Strategie genutzt wird, um belastende Gefühle zu regulieren.
Problematisch wird diese Entwicklung dann, wenn das Spielen zur zentralen Bewältigungsstrategie für Alltagsprobleme wird.
Einordnung in der ICD-11
Die internationale Krankheitsklassifikation ICD-11 beschreibt zwei Störungen in diesem Bereich.
Diese gehören zur diagnostischen Kategorie „Disorders due to addictive behaviours“ – Störungen durch süchtiges Verhalten.
Darunter fallen:
Gaming Disorder – ICD-11 Code 6C51
Videospielsucht bei digitalen Spielen wie Onlinegames, Konsolen- oder Smartphone-Spielen.
Gambling Disorder – ICD-11 Code 6C50
Glücksspielsucht bei Sportwetten, Online-Casinos oder Automatenspielen.
Beide Störungen gelten als nichtstoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen.
Gaming Disorder – Videospielsucht
Die Gaming Disorder beschreibt ein anhaltendes und kontrollverlustartiges Spielverhalten bei digitalen Spielen.
Entscheidend ist nicht die Anzahl der Spielstunden, sondern das zugrunde liegende Verhaltensmuster.
Die ICD-11 beschreibt drei zentrale diagnostische Merkmale.
Kontrollverlust über das Spielen
Das Spielverhalten entzieht sich zunehmend der bewussten Steuerung.
Typische Anzeichen sind:
deutlich längere Spielzeiten als geplant
Schwierigkeiten aufzuhören
wiederholte erfolglose Versuche, weniger zu spielen
Gedanken beschäftigen sich häufig bereits während anderer Aktivitäten mit dem nächsten Spiel.
Dominanz des Spiels im Alltag
Das Spielen erhält eine immer größere Priorität.
Andere Lebensbereiche geraten zunehmend in den Hintergrund:
Schule oder Studium
soziale Kontakte
Freizeitaktivitäten außerhalb digitaler Räume
Schlaf und Tagesstruktur
Der Alltag richtet sich zunehmend nach Spielzeiten oder Online-Events.
Fortsetzung trotz negativer Folgen
Selbst wenn bereits deutliche Konsequenzen sichtbar werden, bleibt das Verhalten bestehen.
Typische Folgen sind:
Leistungsabfall
Konflikte mit Familie oder Partnern
sozialer Rückzug
körperliche Erschöpfung durch Schlafmangel
Glücksspielstörung – Gambling Disorder
Die Glücksspielstörung folgt einem ähnlichen Muster.
Auch hier steht ein Kontrollverlust über das Verhalten im Mittelpunkt.
Glücksspiel aktiviert besonders starke Belohnungsmechanismen im Gehirn. Gewinne treten unvorhersehbar auf. Dieses sogenannte variable Belohnungssystem gehört zu den stärksten Verstärkungsmechanismen im menschlichen Lernsystem.
Typische Merkmale sind:
zunehmende gedankliche Beschäftigung mit Glücksspiel
steigende Einsätze
Kontrollverlust über das Verhalten
Fortsetzung trotz finanzieller Verluste
Ein häufig beobachtetes Muster ist die sogenannte Verlustjagd. Nach einem Verlust entsteht der Impuls, verlorenes Geld durch neue Einsätze zurückzugewinnen.
Neurobiologische Grundlagen
Gaming und Glücksspiel aktivieren das dopaminerge Belohnungssystem des Gehirns.
Der Neurotransmitter Dopamin reguliert Motivation, Erwartung und Belohnung. Jeder Erfolg im Spiel – etwa ein Levelaufstieg, ein Sieg oder ein Gewinn – führt zu einer Ausschüttung dieses Botenstoffs.
Durch häufige Wiederholung entstehen stabile Lernprozesse. Spielreize werden besonders bedeutsam. Das Verhalten automatisiert sich zunehmend.
Langfristig entstehen typische Mechanismen einer Abhängigkeit:
intensives Verlangen nach dem Verhalten
erhöhte Sensibilität gegenüber Spielreizen
eingeschränkte Selbstkontrolle
Diese Prozesse erklären, warum bloße Willenskraft häufig nicht ausreicht, um problematisches Spielverhalten zu verändern.
Psychotherapeutischer Behandlungsplan
nach der Problemorientierten Kognitiven Psychotherapie (PKP)
Die Behandlung in unserer Praxis erfolgt auf Grundlage der Problemorientierten Kognitiven Psychotherapie (PKP)nach Harlich H. Stavemann.
Dieses Verfahren basiert auf einer strukturierten Analyse der individuellen Problemdynamik. Im Zentrum steht die problemorientierte kognitive Psychodiagnostik.
Phase 1 – Präzise Problemdefinition
Zu Beginn erfolgt eine detaillierte Analyse des Spielverhaltens.
Dabei werden unter anderem folgende Fragen untersucht:
In welchen Situationen tritt das Spielen auf?
Welche Gedanken gehen dem Verhalten voraus?
Welche Gefühle entstehen dabei?
Ziel ist eine präzise Beschreibung der individuellen Problemdynamik.
Phase 2 – Kognitive Psychodiagnostik
In der PKP wird davon ausgegangen, dass problematisches Verhalten durch dysfunktionale Bewertungen und innere Sollwertüberzeugungen beeinflusst wird.
Diese Denkstrukturen werden systematisch identifiziert.
Phase 3 – Analyse emotionaler Auslöser
Die Therapie untersucht, welche emotionalen Belastungen zum Spielverhalten führen.
Typische Auslöser können sein:
Leistungsdruck
Selbstwertprobleme
soziale Unsicherheiten
Stress oder Überforderung
Phase 4 – Funktionale Verhaltensanalyse
Das Spielverhalten wird im Detail analysiert:
Auslösesituation
Gedanken
Emotionen
Verhalten
Konsequenzen
Diese Analyse ermöglicht ein präzises Verständnis der individuellen Problemdynamik.
Phase 5 – Veränderung dysfunktionaler Denkstrukturen
Belastende Bewertungen und unrealistische Erwartungen werden systematisch hinterfragt und neu bewertet.
Ziel ist die Entwicklung realistischer und hilfreicher Denkweisen.
Phase 6 – Aufbau alternativer Bewältigungsstrategien
Betroffene entwickeln neue Wege im Umgang mit Stress, Emotionen und Alltagsbelastungen.
Dazu gehören unter anderem:
strukturierte Tagesplanung
alternative Freizeitaktivitäten
Training emotionaler Selbstregulation
Phase 7 – Stabilisierung und Rückfallprophylaxe
Abschließend werden neue Denk- und Verhaltensmuster gefestigt. Strategien zur langfristigen Stabilisierung werden erarbeitet.
Fazit
Gaming Disorder und Gambling Disorder gehören nach der ICD-11 zu den Störungen durch süchtiges Verhalten. Beide beschreiben ein Muster, bei dem Spielen zunehmend die Kontrolle über das eigene Leben übernimmt.
Neben individuellen Faktoren tragen auch gesellschaftliche Entwicklungen dazu bei. Leistungsdruck, digitale Dauerverfügbarkeit und soziale Vergleichsdynamiken schaffen Bedingungen, in denen Spielen als Kompensation für Alltagsbelastungen genutzt werden kann.
Eine differenzierte psychotherapeutische Diagnostik ermöglicht eine präzise Einordnung des Problems. Strukturierte Behandlungsansätze wie die Problemorientierte Kognitive Psychotherapie bieten einen klaren Rahmen, um die zugrunde liegenden Denkstrukturen zu verändern und einen selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien und Glücksspiel zu entwickeln.
Für mögliche Fragen stehe ich Ihnen gerne persönlich in einem Erstgespräch zur Verfügung.
