Scham, Schuld und Selbstbeschämung: Psychotherapie in Paderborn

Person, die sich hinter einem hellen Vorhang verbirgt, als Bild für Scham

Samstagvormittag, Supermarkt. Die Kartenzahlung wird abgelehnt, hinter Ihnen warten vier Leute. Niemand sagt etwas, die Kassiererin lächelt sogar. Trotzdem wird Ihr Gesicht heiß, und noch bevor irgendwer reagieren kann, hören Sie sich sagen: „Typisch ich. Nicht mal das kriege ich hin.“

„Lieber sage ich es selbst, bevor es ein anderer tut.“

Genau das meine ich mit Selbstbeschämung. Man beschämt sich selbst, schneller und gründlicher, als es ein Fremder je täte. Die meisten halten das für Ehrlichkeit oder für Humor. Ich halte es für eine alte Schutzstrategie. Und jede Schutzstrategie hat eine Geschichte.

Scham und Schuld: zwei verschiedene Gefühle

Im Alltag werden beide Wörter gern verwechselt. In meiner Arbeit trenne ich sie genau, weil sie in verschiedene Richtungen führen. Schuld bezieht sich auf eine Handlung. Scham bezieht sich auf die ganze Person.

Schuld

„Ich habe meine Schwester verletzt.“ Der Blick richtet sich auf die Tat, und der Impuls ist, sich zu entschuldigen und etwas wiedergutzumachen.

Scham

„Ich bin ein schlechter Mensch.“ Der Blick geht nach innen und nach unten. Am liebsten möchte man verschwinden.

Man sieht den Unterschied am Verhalten. Wer sich schuldig fühlt, geht nach einem Fehler meist auf den anderen zu. Wer sich schämt, zieht sich zurück oder wird ärgerlich. In meiner Praxis erlebe ich chronische Scham oft zusammen mit Niedergeschlagenheit und Angst. Schuld kann ein brauchbarer Kompass sein. Chronische Scham ist es selten.

Wie Scham in der frühen Bindung entsteht

Ein Kind von anderthalb Jahren zeigt seiner Mutter stolz einen Turm aus Bauklötzen. Sie telefoniert gerade, hört etwas Unangenehmes und runzelt die Stirn. Das Kind sackt in sich zusammen, der Kopf sinkt, der Blick geht zu Boden. So sieht Scham in ihrer frühesten Form aus.

Scham entsteht früh, meist im zweiten Lebensjahr, und zwar genau so: als plötzlicher Abbruch einer freudigen Verbindung. Für sich genommen ist das harmlos. Kein Elternteil ist immer im Takt mit seinem Kind, auch der liebevollste nicht. Entscheidend ist, was danach geschieht. Legt die Mutter das Telefon weg und staunt über den Turm, ist die Verbindung repariert. Das Kind lernt: Ich kann jemanden kurz verlieren und wiederfinden.

Schwierig wird es, wenn diese Reparatur ausbleibt. Wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass seine Freude stört, seine Traurigkeit lästig ist oder seine Wut mit Kälte beantwortet wird. Dann steht es vor einer Aufgabe, die es nicht lösen kann. Es braucht genau diese Menschen und kann sie weder wechseln noch verlassen.

  1. „Mama schaut weg.“
  2. „Mit mir stimmt etwas nicht.“
  3. „Wenn ich anders bin, bleibt sie.“
  4. Die Bindung ist gerettet.

Die Logik des Kindes: lieber selbst falsch sein, als die Beziehung zu verlieren.

Für ein Kind ist es leichter auszuhalten, selbst schlecht zu sein, als zu erkennen, dass die Menschen, von denen es abhängt, es nicht halten können. Wer selbst schuld ist, darf wenigstens hoffen, es irgendwann richtig zu machen. In NARM, dem Neuroaffektiven Beziehungsmodell, mit dem ich ergänzend arbeite, heißt das schambasierte Identifikation. Sätze wie „Ich bin zu viel“ oder „Meine Bedürfnisse sind eine Zumutung“ werden nicht mehr als Gedanken erlebt. Sie fühlen sich an wie die eigene Identität.

An dieser Stelle stutzen viele meiner Klienten. Die Scham war keine Schwäche. Sie war eine Lösung, und für ein kleines Kind vermutlich die beste, die es gab.

Was davon im Erwachsenenalter bleibt

Das Kind von damals sitzt heute in Teambesprechungen, führt eine Ehe, erzieht vielleicht selbst Kinder. Die Menschen von früher spielen im Alltag kaum noch eine Rolle. Die Strategie ist geblieben. Sie springt an, sobald eine Situation der alten ähnelt: Jemand schaut weg, antwortet nicht oder runzelt die Stirn. In diesem Moment reagiert nicht der erwachsene Mensch mit seiner ganzen Lebenserfahrung. Es reagiert ein Nervensystem, das früh gelernt hat, dass Abwendung gefährlich ist.

Die Selbstbeschämung ist die erwachsene Fortsetzung. Ihre Rechnung ist schlicht. Wenn ich mich zuerst verurteile, kann mich das Urteil der anderen nicht mehr überraschen. Wer sich vorab kleinmacht, kann nicht mehr kleingemacht werden. Bewusst ist das kaum jemandem. Was man bemerkt, ist ein harter innerer Kommentar, der verdächtig nach einer Stimme von früher klingt.

Vier Wege, mit Scham durch den Alltag zu kommen

Wenn Scham auftaucht, weichen Menschen aus. Man kann sich das vorstellen wie einen Kompass mit vier Richtungen. In meiner Praxis begegnen mir alle vier, oft bei ein und derselben Person.

Rückzug

Im Videocall bleibt die Kamera aus. In der Besprechung melden Sie sich nicht, obwohl Sie die Antwort wissen. Lieber unsichtbar als bloßgestellt.

Angriff auf sich selbst

Sie entschuldigen sich, bevor jemand etwas bemängelt hat, und machen den Witz über sich, bevor ein anderer ihn macht. Das ist die Selbstbeschämung.

Vermeidung

Perfekte Vorbereitung, makellose Fassade, ständiges Beschäftigtsein. Wer nie einen Fehler zeigt, muss sich nie schämen. NARM spricht von einer stolzbasierten Gegenidentifikation.

Angriff auf andere

Gereiztheit bei kleiner Kritik, Rechthaben um jeden Preis, der Fehler liegt beim Gegenüber. Von außen wirkt das überheblich. Innen ist es Scham, die nach außen geschoben wird.

Chronische Schuldgefühle sehen anders aus und haben oft dieselbe Wurzel. Manche Menschen fühlen sich für die Stimmung aller verantwortlich. Ist die Partnerin schlecht gelaunt, suchen sie den Fehler zuerst bei sich. Sie entschuldigen sich sogar beim Kellner, der ihnen das falsche Essen gebracht hat. Hinter dieser Überverantwortung steht häufig die alte Hoffnung, dass alles gut wird, wenn man selbst nur genug richtig macht.

Keine dieser Strategien ist dumm. Jede hat einmal funktioniert. Heute kostet sie meist mehr, als sie schützt, vor allem Nähe und die Freiheit, einen Fehler einfach einen Fehler sein zu lassen.

Wie wir in der Therapie ansetzen

Scham lässt sich nicht wegreden. Wer einem beschämten Menschen erklärt, er müsse sich nicht schämen, erreicht meist das Gegenteil. Jetzt schämt er sich zusätzlich dafür, dass er sich schämt. Deshalb setze ich an einer anderen Stelle an. Dabei nutze ich Elemente aus NARM, ergänzend zur Kognitiven Verhaltenstherapie.

  1. Was Sie wollenAm Anfang jeder Sitzung steht die Frage, was Sie für sich erreichen möchten. Nicht ich lege das Ziel fest. Schon das ist für viele ungewohnt, weil die eigenen Wünsche früher keinen Platz hatten.
  2. Die Scham im RaumErzählen Sie von der Szene an der Kasse und senken plötzlich den Blick, halten wir genau dort an. Was geschieht gerade in Ihnen? Was wäre in diesem Moment so gefährlich daran, mich anzusehen? Scham zeigt sich in der Sitzung selbst, und dort wird sie bearbeitbar.
  3. Wie Sie es machenStatt zu fragen, warum Sie so sind, fragen wir, wie Sie es tun. Wie machen Sie sich klein, bevor der andere etwas sagt? Mit dieser Frage wird aus einem Schicksal eine Handlung, und eine Handlung lässt sich beobachten.
  4. Die Regel dahinterMit der Problemorientierten Kognitiven Psychodiagnostik nach Stavemann, kurz PKP, untersuchen wir an Ihren eigenen Szenen, welche Bewertung heute wirkt. Häufig ist es ein Selbstwertproblem, also die Überzeugung, ein Fehler entscheide über den Wert des ganzen Menschen. Diese Regel prüfen wir im sokratischen Gespräch.
  5. Was sich verändertManchmal wird der Atem ruhiger, wenn ein alter Satz ausgesprochen ist, oder es entsteht Ärger, wo früher nur Scham war. Solche Momente greifen wir auf. Sie zeigen, dass gerade etwas Neues möglich ist.

Eine Rolle spielt auch die Beziehung zwischen uns. Auch ich werde Sie gelegentlich missverstehen. Dann sprechen wir darüber, und Sie können erleben, was als Kind gefehlt hat: dass auf eine Verfehlung eine Reparatur folgen kann. Ein Übungsprogramm nach Schema gibt es bei mir nicht. Wie lange die Arbeit dauert und was sich verändert, lässt sich vorher nicht sagen.

Erstgespräch in Paderborn

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Zum Weiterlesen: Bücher von Ralf Baumhöfer

Wie aus einem einzelnen Fehler ein Urteil über die ganze Person wird, beschreibe ich in „Selbstwert neu denken“. Um Kontrolle, Grübeln und die Suche nach Gewissheit geht es in „Erst wenn ich sicher bin“.

Selbstwert neu denken

Was, wenn das Problem nicht darin besteht, dass Ihr Selbstwert zu niedrig ist?

Erst wenn ich sicher bin

Die Antwort liegt vor. Warum beginnt die Prüfung von vorn?

Häufige Fragen zu Scham und Schuld

Ist Scham immer ein Problem?

Nein. Scham gehört zu den Grundgefühlen und regelt, wie viel wir von uns zeigen. Schwierig wird sie, wenn sie dauerhaft das Urteil über die eigene Person bestimmt.

Was ist Selbstbeschämung?

Selbstbeschämung bedeutet, sich selbst herabzusetzen, bevor es ein anderer tun kann. Sie zeigt sich in vorschnellen Entschuldigungen, in Witzen über sich selbst oder in einem harten inneren Kommentar.

Muss ich in der Therapie meine ganze Kindheit erzählen?

Nein. Wir arbeiten mit dem, was heute geschieht. Frühere Erfahrungen kommen zur Sprache, wenn sie für das Verständnis wichtig werden, und in dem Tempo, das Sie bestimmen.

Geht das auch per Video?

Ja, die Sitzungen sind auch per Video möglich. Manchen Menschen mit starker Scham fällt der Einstieg so leichter.

Weiterlesen

Literatur

  1. Lewis, H. B. (1971): Shame and Guilt in Neurosis. New York: International Universities Press.
  2. Tangney, J. P. & Dearing, R. L. (2002): Shame and Guilt. New York: Guilford Press.
  3. Schore, A. N. (1994): Affect Regulation and the Origin of the Self. Hillsdale: Lawrence Erlbaum.
  4. Tronick, E. et al. (1978): The infant’s response to entrapment between contradictory messages in face-to-face interaction. Journal of the American Academy of Child Psychiatry, 17, 1–13.
  5. Fairbairn, W. R. D. (1952): Psychoanalytic Studies of the Personality. London: Tavistock.
  6. Nathanson, D. L. (1992): Shame and Pride. New York: W. W. Norton.
  7. Heller, L. & LaPierre, A. (2012): Healing Developmental Trauma. Berkeley: North Atlantic Books.

Beitragsbild: Foto: Ian Keefe / Unsplash. Dieser Beitrag ersetzt keine persönliche ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik. Wenn Sie an Suizid denken, wenden Sie sich bitte sofort an die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123 (kostenfrei, rund um die Uhr) oder wählen Sie im Notfall 112.